Ist Erythrit schädlich für Herz und Gefäße?

Geschrieben von Ulrike Gonder
7 Minuten Lesezeit
9. März 2023 zuletzt aktualisiert am 24. September 2025 von Kimberly Werner
Ist Erythrit schädlich für Herz und Gefäße?

Über den Zuckeraustauschstoff Erythrit waren schon viele Schlagzeilen in den Medien zu sehen: So berichtete der Berliner Kurier über eine „Schock-Studie“, die nahelege, dass Zero-Getränke Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen könnten. Beim Stern war zu lesen, der „Zuckerersatzstoff Erythrit könnte Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall erhöhen“ und die Frankfurter Rundschau schrieb: „Thrombose: Steigt das Risiko durch den beliebten Zuckerersatz Erythrit?“

Es rauschte also tüchtig im Blätterwald – und viele Nutzer und Nutzerinnen des beliebten praktisch kalorien- und kohlenhydratfreien Zuckerersatzes waren zutiefst besorgt und verunsichert, ob sie ihn weiterhin essen sollten. Grund genug, einmal in die Originalstudie zu schauen und nachzusehen, was kritische Ärzte und Wissenschaftler dazu zu sagen haben.

Inhaltsverzeichnis

    Was die Studie wirklich ergab

    Die neue Studie aus dem renommierten Fachblatt Nature Medicine untersuchte, ob es einen Zusammenhang zwischen der Konzentration des Zuckeralkohols Erythrit im Blut mit Herzinfarkten und Schlaganfällen gibt. Dazu wurden zunächst bei gut 1.100 zufällig ausgewählten Personen verschiedene Zuckeralkohole und andere Stoffe im Blut gemessen („ungezielte“ Analyse). Man fand dabei heraus, dass mit steigender Erythritkonzentration im Blut das Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden oder daran zu versterben, ebenfalls stieg. Bei den höchsten Konzentrationen war es deutlich (signifikant) erhöht.

    Als nächstes suchte das Forscherteam unter rund 2.100 US-amerikanischen und 800 europäischen Herz- und Gefäß-Patienten (!) gezielt nach Zusammenhängen zwischen Herz- und Gefäßkrankheiten und der Menge an Erythrit in deren Blut. Auch hier wurden sie fündig: Das relative Risiko für die genannten Krankheiten war bei der größten Erythritmenge im Blut verglichen mit der geringsten Menge in etwa verdoppelt. Derart erhöhte Risiken sollten zwar aufhorchen lassen und weitere Forschungen anregen. Sie lassen jedoch keine Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung zu.

    Dazu kommt folgendes: Man weiß aus früheren Studien, dass hohe Erythritmengen im Blut auf Stoffwechselstörungen hindeuten, dass sie eine Art Frühwarnsystem darstellen. Demnach wäre das Erythrit im Blut keine Ursache, sondern eine Art Warnleuchte für die Herz- und Gefäßgesundheit. Es ist ein bisschen so wie mit den Störchen und der Geburtenrate: Mit sinkender Storchenpopulation sanken vor Jahren die Geburtenraten in Deutschland. Das heißt aber nicht, dass weniger Kinder geboren werden, WEIL es weniger Störche gibt, um sie zu bringen 😉

    Zurück zur Studie: Als nächstes führte man Laborstudien mit menschlichen Blutzubereitungen und Studien mit Mäusen durch. Dabei zeigte sich, dass „normale“ Erythritmengen im Blut Prozesse anregen, die zur Verklumpung des Blutes und zur Bildung von Thrombosen (Blutgerinnseln) führen können. Sowohl Herzinfarkte als auch Schlaganfälle können durch „klebrigeres“ Blut und durch Thrombosen entstehen. Auch das sollte nachdenklich stimmen. Dennoch sind solche experimentellen Tests recht weit von den Abläufen in einem intakten menschlichen Organismus entfernt.

    Zu guter Letzt verabreichte man acht gesunden Versuchspersonen 30 g Erythrit in 300 Milliliter Wasser, das sie auf nüchternen Magen innerhalb von zwei Minuten austrinken mussten. 30 g Erythrit entspricht in etwa dem, was US-Amerikaner pro Tag konsumieren, wenn sie zu den häufigen Nutzern des Süßungsmittels zählen. Und wer sich schon morgens nüchtern Diät-Getränke reinpfeift, könnte auf ähnliche Mengen kommen.

    Jedenfalls führte diese Menge innerhalb von 30 Minuten zu einem tausendfach erhöhten Erythritgehalt im Blut. Und es dauerte rund zwei Tage, bis die Nüchternwerte wieder erreicht waren. Die Erythritwerte lagen deutlich über jenen, die in den Labor- und Tierstudien zu einer erhöhten Verklumpungsneigung geführt hatten.

    Musst Du nun fürchten, dass Erythrit Dein Blut verklumpt?

    Das kann die Studie nicht beantworten. Denn bei den Testpersonen, die den Erythrit-Drink auf nüchternen Magen herunterstürzen mussten, wurden nicht gemessen, ob sich ihre Blutgerinnung irgendwie verändert hat. Das ist schade – und man fragt sich, warum das nicht gemacht wurde.

    Wir wissen auch nicht, warum die Erythrit-Werte so lange so hoch blieben, ob das „normal“ ist und ob es sich bei low-carb- oder ketogener Ernährung anders verhält. Insofern haben die Autoren der Studie absolut recht, wenn sie die weitere Erforschung von Erythrit und anderen Süßungsmitteln fordern.

     Das rechtfertig jedoch nicht reißerische Schlagzeilen nach dem Strickmuster „Beliebter Süßstoff lässt das Blut verklumpen“. Denn: In der Studie fehlt jegliche (!) Angabe zum Erythritverzehr! Wir wissen also gar nicht, wie sich diese Menschen ernährten und ob und ggf. wie viel Erythrit sie zu sich genommen haben. Vermutlich kaum welches, denn als die amerikanischen Studienteilnehmer dazu befragt wurden, war Erythrit noch weitgehend unbekannt.

    Was Du über Erythrit im Blut noch wissen solltest

    Erythrit kann auch im Körper entstehen! Er macht es unter bestimmten Umständen aus Traubenzucker (Glukose) selbst. Im sogenannten Pentose-Phosphat-Weg (PPP) kann er nach Bedarf verschiedene Zucker ineinander umbauen. Möglich scheint auch, dass der Körper diesen Weg nutzen kann, um überschüssige Glukose aus dem Blut zu entfernen. Das würde erklären helfen, warum der PPP und damit auch die körpereigene Erythrit-Bildung z. B. bei oxidativem Stress, Diabetes mellitus und Adipositas erhöht ist. Alle diese Situationen sind mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall verbunden. Das zeigt noch einmal, dass das Erythrit vermutlich nur ein „Zeuge“ für Stoffwechselprobleme ist, nicht jedoch der „Täter“, der sie verursacht.

    Erythrit zu essen, könnte sich sogar als günstig für die Gefäße erweisen. Dafür spricht eine Studie mit Typ-2-Diabetikern, bei denen sich nach vierwöchigem Erythritverzehr (3 x 12 g/Tag) eine Verbesserung der Gefäßgesundheit zeigte. Mit anderen Worten: Erhöhte Erythritwerte im Blut könnten auch eine Anpassungs- oder Schutzreaktion des Körpers darstellen. Aber auch das ist noch nicht erwiesen. Wie dem auch sei: Die langfristigen Effekte einer chronischen (hohen) Erythritzufuhr müssen in weiteren Studien erforscht werden.

    Zusammengefasst die drei Hauptkritikpunkte dieser Studie

    • Sie kann keine Aussagen zum Erythritverzehr machen, denn der wurde nicht erfragt.
      Es wurden nur die Mengen im Blut gemessen und die können im Körper selbst entstanden sein.
    • Erythrit im Blut gilt als Marker für für Stoffwechselstörungen wie etwa ein metabolisches Syndrom. Niemand kann derzeit sagen, ob erhöhte Erythritwerte eine Ursache oder eine Folge davon oder gar ein Schutz dagegen sind.
    • Es lässt sich auch nicht sagen, ob erhöhte Erythritwerte im Blut die in dieser Studie beobachteten Risiken für Herz und Gefäße tatsächlich verursacht haben.

    Was solltest Du in Sachen Erythrit jetzt tun?

    Solltest du jetzt aufhören, Erythrit zu verwenden? Nein, das brauchst du nicht. Der Stoff mit der E-Nummer 968 ist zugelassen und gilt als sicher. Es gibt jedoch kaum Langzeituntersuchungen zu einem möglichen Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System des Menschen.

    In der Zwischenzeit sollten wir es – wie mit allen Leckereien – einfach nicht übertreiben: Warum? Bestimmt kennst Du den Satz von Paracelsus, dem berühmten Arzt, der schon im 16. Jahrhundert wusste: All Ding ist Gift, nur die Dosis macht, ob ein Ding Gift ist. Das bedeutet: Hier und da etwas Erythrit im Tee oder im Dessert oder Kuchen oder ein paar Foodpunk-Pralinen, das ist auch nach dieser Studie völlig ok. Doch wer sich hauptsächlich oder überwiegend von Süßem ernährt – und sei es Erythrit und noch so „keto“ – macht nicht alles richtig. Also: Süßes am besten bewusst genießen – nicht in Massen, sondern in Maßen!

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    Der Artikel wurde geschrieben von

    Ulrike Gonder

    Ulrike ist Ökotrophologin (Uni Gießen), freie Wissenschaftsjournalistin und hat schon viele Bücher und Artikel über Fette, Low-carb und Keto verfasst. Seit 2023 schreibt sie auch gelegentlich Beiträge für die Science Redaktion von Foodpunk.

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